Ich schaue mir selbst dabei zu, wie ich einen Typen küsse. Unsere Lippen berühren sich innig. Seine Hand umschließt meinen Hinterkopf. Er zieht mich zu sich ran. Im 90er-Jahre-Look stehen wir da und küssen uns.
In den wahren 90er-Jahren hätten wir bei Renate im Kunstunterricht vielleicht dieses Bild analysiert und ich hätte so was Schlaues gesagt wie: „Man sieht, dass der Rothaarige das Küssen genießt. Und vielleicht soll der Blonde das Leben darstellen, das ihn festhält. Und der Rothaarige lässt sich einfach fallen.“
Ich drehe die Einladungskarte zu meinem 40. Geburtstag um, auf deren Titel das Bild von Wolfgang Tillmans The Cock (The Kiss) abgebildet ist. Mittels KI küssen sich darauf jetzt aber nicht mehr zwei mir unbekannte Männer, sondern einer davon bin nun ich.

Um mich herum liegen nicht nur stapelweise Einladungen für meine Geburtstagsparty am 4.10., sondern auch ganz viel Merch-Kram, den ich für Goodie Bags brauche, die ich gerade als kleine Überraschung (die es nach dem Artikel schon nicht mehr ist 😉 ) und als Dankeschön für meine engsten Freund*innen zusammenstelle. Mit denen geht es zu meinem eigentlichen Geburtstag für eine Woche in ein Chalet nach Österreich.
Meine Freund*innen machen neuerdings seit Wochen darüber Witze, dass ich in den letzten sechs Monaten um zehn Jahre gealtert bin. Nicht, weil ich noch mehr graue Haare in meinem Schnäuzer habe als ohnehin schon oder weil meine Falten auf der Stirn bei Selfies noch extremer geworden sind, sondern weil ich erst seitdem ganz offen mit meinem Alter umgehe: 39! Damit habe ich sogar einen schwulen Freund überholt, der eigentlich rund neun Jahre älter ist als ich, aber selbst weiterhin behauptet, 38 zu sein. Und nun wird aus der 39 in nur drei Tagen sogar die 40.
Und dass ich das nun sage, öffentlich aufschreibe, macht nicht nur was mit mir, sondern offenbar auch mit einigen Gays auf diversen Plattformen.
Ich bekomme Nachrichten auf Instagram, dass ich es doch nicht allen verraten soll, wie alt ich werde. Und wenn ich mit „Oh doch“ reagiere, geht es weiter mit „Echt?“. Gleichzeitig bekomme ich so viele Komplimente für mein Alter wie noch nie. „Krass, du siehst gar nicht aus wie 40.“ Danke, I guess!? Ich frage mich ernsthaft, wer eigentlich die Messlatte dafür festgelegt hat, wie 40 auszusehen hat. Und vor allem: Wie sieht 40 denn bitte aus? Manche nennen mich jetzt schon „Daddy“. Andere dagegen nehmen mein Alter natürlich auch gern als neuen Grund, mich zu beleidigen. Gerade in der schwulen Community ist Alter immer so eine Sache. War es für mich selbst ja auch eine sehr lange Zeit.
Ich habe Accounts im Internet, auf denen mein Geburtsjahr 88, 92 oder gar 94 ist. E-Mail-Adressen mit einem falschen Geburtsjahr. Ich habe meine liebste Cousine Anna Lena, die immer vier Jahre jünger als ich war, überall meine große Cousine genannt. Marie und Max, zwei meiner engsten Freund*innen, wussten jahrelang nicht, wie alt ich bin. Ich habe mir in den letzten Jahren also ein Lügenkonstrukt aufgebaut, bei dem selbst meine Leute nicht mehr mitkamen. Für Mike war immer klar: Ich bin stets halb so alt wie er. Torsten und Marcel haben regelmäßig darauf hingewiesen, dass ich selbst nach meinem Alter gefragt werden sollte. David wurde nie müde, bei jedem Event zu erwähnen, dass wir nie wieder so jung zusammenkämen – mit Ausnahme von mir. Schließlich sind es die Leute, die ich mit am längsten kenne und die immer wussten, dass ich 1986 geboren bin.
Allerdings ging mein Lügenkonstrukt über mein Alter sogar so weit, dass meine eigene Mutter irgendwann nicht mehr wusste, wie alt ich wirklich bin. Ja, es ging sogar so weit, dass sie bei wichtigen Unterlagen wegen eines Erbschaftsstreits mein falsches Geburtsjahr eintrug.
Und wieso das alles? Wieso habe ich jahrelang gelogen, wenn es um mein Alter geht? Warum machen so viele Schwule – mich lange Zeit eingeschlossen – so ein großes Geheimnis um ihr Alter? Oder lügen es sich sogar zurecht?
So komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Wenn alle jeden Tag, jeden Augenblick, unaufhaltsam älter werden, wieso ist es dann für alle so ein großes, unangenehmes Thema?
Es fühlt sich fast so an, als wäre ich in den letzten sechs Monaten gar nicht diese zehn Jahre gealtert. Denn als ich das letzte Mal vor einem runden Geburtstag stand, war gefühlt fast alles wie jetzt: Es lief Lush Life von Zara Larsson in den Charts, ich habe im Sommer die Nationalmannschaft im kompletten Trikot-Outfit bei einem großen Fußballturnier angefeuert und war für den anstehenden Herbst wieder gespannt auf Neues aus dem Gilmore Girls-Universum.
Allerdings hat sich 2016 mit einem Schlag für mich alles geändert. Nämlich in dem Moment, als mir mitgeteilt wurde, dass meine beste Freundin gestorben ist. Pia ist nicht älter als 28 geworden. Und war von jetzt auf gleich tot. Nicht mehr da. Spätestens mit diesem Ereignis in meinem Leben hat sich auch etwas an meiner Einstellung zu meinem Alter geändert. Zum Alter und zum Leben überhaupt. Nur leider hat das Ganze noch mal zehn Jahre in mir gebraucht, bis es auch in meinem Bewusstsein angekommen ist.
Vielleicht ist es sogar der Hype Anfang des Jahres gewesen, als alle 2016 so gefeiert haben. Vielleicht war es aber auch mein neuer Job als Pressesprecher zum 1.1., bei dem ich endlich angekommen bin, wo ich hinwollte. Vielleicht ist es aber auch meine Masterarbeit, die ich dieses Jahr schreiben und abgeben werde. Oder es ist die Tatsache, dass ich mit 40 Single bin. Fabulous – aber Single. Höchstwahrscheinlich ist es die Mischung aus all dem. Oder aber es liegt daran, dass ich mit meinem Alter nun meinen Frieden gefunden habe. Und dabei spielt ganz sicher das Wissen mit, dass andere Menschen erst gar nicht so alt werden, wie ich es nun bin. Pia zum Beispiel.

Alt. In meinem schwulen Herzen sorgt das Wort immer noch dafür, dass es einen Schlag schneller geht. Ich würde mir auch für alle schwulen Männer wünschen, dass das Ganze mit dem Alter keine Rolle mehr spielt. Für die ganzen queeren Communities. Vielleicht liegt es daran, dass eine ganze Generation in den 80er- und 90er-Jahren durch die AIDS-Pandemie zu früh, zu oft und zu krass mit der Vergänglichkeit konfrontiert wurde und sich deshalb bis heute so sehr an der Jugend festhält. Vielleicht daran, dass sie damit groß geworden sind, anders, nicht gut genug zu sein und sich später nach genau den jungen Jahren sehnen, die sie damals nicht so leben konnten, wie sie es heute vielleicht tun würden. Jung zu sein ist natürlich auf eine bestimmte Art schön. Schließlich schrieb der schwule Autor Oscar Wilde schon vor Hunderten von Jahren Das Bildnis des Dorian Gray. Und Meryl Streep schob Goldie Hawn vor mehr als 30 Jahren einen Kerzenständer durch den Bauch in Der Tod steht ihr gut. Aber sind wir doch nun noch mal ganz ehrlich: Älter werden ist halt auch echt schön.
Ein paar Tage vor meinem nächsten Lebensjahrzehnt stehe ich deshalb bei meiner lieben Kollegin Kani bei der Sparkasse KölnBonn und hole das letzte Merch. Und Kani sagt dann irgendwann, 40 sei doch eigentlich wie das Gefühl in der vierten Klasse. Man gehöre schon fast zu den coolen Älteren, sei aber gleichzeitig noch Teil der Jüngeren.
Und da gehe ich eindeutig mit. Ich kann mir die Wohnung leisten, die ich mir so sehr gewünscht habe, ich kann Sportverträge abschließen, Bücher kaufen und Länder bereisen. Ich kann sogar meine engsten Freund*innen auf mein 40-Jahre-Geburtstagsevent einladen. Die Goodie Bags sind auf jeden Fall nun fertig und voll. Voller als voll. Die Woche kann also kommen.
Vielleicht und ganz sicher werden wir nie wieder so jung zusammenkommen, wie wir es dort tun werden. Allerdings werden wir Erinnerungen schaffen und unzählige Selfies schießen, die mich immer an meine Zeit mit 39 erinnern werden. Und dann eben auch an die Zeit mit 40. Und im besten Fall werde ich diese Fotos mit 80 anschauen und denken, was für ein tolles Leben ich hatte. Mit jedem Alter. Und dann hätte auch der dicke Junge aus der Eifel im Kunstunterricht bei Renate recht behalten: Da hat jemand sein Leben genossen.
Denn am Ende ist es doch so: Alle wollen alt, gleichzeitig will niemand älter werden, aber wenn jeder Moment vergänglich ist, sollten wir jetzt damit anfangen, unvergängliche Erinnerungen zu schaffen. Und das ganz unabhängig von irgendeiner Zahl im Geburtsregister.

3 Kommentare
Moritz
Danke für diesen tollen Beitrag! Ich bin vergangenen Sonntag selbst 40 geworden und merke gerade, dass mich diese Zahl mehr beschäftigt, als ich vorher gedacht hätte. Irgendwie fühlt sich die 40 für mich noch ungewohnt und ein bisschen schwer an, auch wenn ich eigentlich weiß, dass sich ja überhaupt nichts von heute auf morgen verändert. 🙈
Deshalb hat es mir gutgetan, deine Gedanken zu lesen und das Thema einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es ist schön, daran erinnert zu werden, dass 40 nicht das Ende von irgendetwas sein muss, sondern genauso gut der Anfang von etwas Neuem sein kann. Danke für diesen Denkanstoß. 💖
Daniel
Mein lieber Andreas,
wir kennen uns ja nun schon auch ein paar Jahre… wie viele genau weiß ich gar nicht. Aber wir schrieben letztens noch über das Thema älter werden als ich erwähnte das ich ja jetzt auch 40 bin & irgendwie war mir das unheimlich… Aber du hast so recht mit dem was du schreibst & dieser super alte Spruch: man ist so alt wie man sich fühlt – der trifft es ja auch irgendwie…. Warum ist 40 schlimm? Wer definiert dies? Und warum sollte mir jemand vorschreiben das ich jetzt alt bin und das 40 soooo unfassbar schlimm ist?! Ich bin auch happy damit das ich halt jetzt 40 bin und freue mich auf weitere tolle Jahre. Danke für deinen wiedermal so wundervoll geschriebenen Artikel.
Frank
Schon bei unserem gestrigen Treffen war das Thema Alter und der Umgang damit präsent. Umso mehr hat es mich berührt, nun deinen veröffentlichten Artikel dazu zu lesen. Ich habe mich an so vielen Stellen selbst wiedergefunden. Vor allem hat er mich dazu gebracht, noch einmal ganz neu auf mein eigenes Alter und auf das Thema „Älterwerden“ zu schauen, auf all die Gedanken, Erwartungen und vielleicht auch Ängste, die man damit verbindet und die man manchmal viel zu selbstverständlich mit sich herumträgt.
Deine Worte haben bei mir einiges ins Wanken gebracht und gleichzeitig etwas zurechtgerückt. Vielleicht geht es tatsächlich viel weniger darum, eine bestimmte Zahl zu erreichen oder möglichst lange jung zu wirken, sondern vielmehr darum, das Leben, das man gerade hat, wirklich anzunehmen und zu genießen.
Und dieser Gedanke, irgendwann zurückzuschauen und sagen zu können: „Was für ein tolles Leben hatte ich“ in jedem Alter, bleibt bei mir hängen.
Danke, dass du das so offen und persönlich aufgeschrieben hast. Du hast damit bei mir definitiv etwas angestoßen und mich dazu gebracht, über mein eigenes Alter, meine Akzeptanz und darüber, wie ich eigentlich leben möchte, noch einmal nachzudenken.
Und ja: Vielleicht sollten wir wirklich aufhören, dem Älterwerden hinterherzulaufen und anfangen, stolz darauf zu sein, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, älter zu werden.