Schüttel deinen Speck

Ich schwitze. Ich schaffe es nicht, mich zu entspannen. Der Schweiß läuft mir die Stirn runter und der Schmerz wird immer intensiver.
„Ich kann nicht mehr“, presse ich hervor.
Henry grinst mich an. Sein Schnäuzer zieht sich nach oben. Er schaut mir direkt in die Augen und sagt: „Da geht noch ein bisschen.“
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der andere Kerl völlig erschöpft auf dem Boden liegt und uns beobachtet. Ich versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Henry zieht langsam mein Shirt hoch und kneift mir in den Bauchspeck. Ich zucke zusammen und verziehe das Gesicht. „Ist doch schon ein super Weg.“ Ich stelle mein rechtes Bein und die Kettlebell in meiner linken Hand ab. Die letzte Stunde hat mich Henry durch das Fitnessstudio und ein hartes Training gejagt. In weniger als zwei Wochen fliege ich nach Los Angeles und denke, dass ich da noch ein bisschen was hier und da an meinem Körper „optimieren“ könnte.

„Du hast es geschafft für heute!“ Henry hält mir seine flache Hand für ein High-5 hin. Ich schaffe es gerade noch so einzuschlagen. Jede Faser meines Körpers schmerzt. Ich schleppe mich die Treppe runter, raus aus meinen Klamotten und will gerade zu einer langen Dusche los und meine Muskeln in der Sauna entspannen, da höre ich den typischen Grindr-Ton, der eine neue Nachricht ankündigt. Ich greife zu meinem iPhone und sehe schon in der Vorschau, dass mir der Kerl schreibt, der mich eben beim Training beobachtet hatte. Da er nur wenige Minuten Vorsprung hatte, muss er die Nachricht quasi noch im Flur des Fitnessstudios schreiben. Ich wische den Sperrbildschirm weg und sehe die Nachricht.

„Das sah nach einem anstrengenden Training aus! Du bist cute. Der Trainer soll aber dein Shirt nicht anheben. Sehr frech. Versaut die ansonsten perfekte Optik.“

Ich muss die Nachricht zweimal lesen. Und aufpassen, dass mir das iPhone nicht aus der Hand rutscht. Irgendwie stehe ich neben mir. Bin wieder der kleine, picklige und übergewichtige Junge aus der Eifel, der auf dem Schulhof als „fette Schwuchtel“ beschimpft wird. An guten Tagen stecke ich einen solchen Spruch ganz gut weg. Jetzt erwischt es mich kalt. Vielleicht, weil mein Kreislauf gerade nach einer Stunde starkem Training ein wenig im Keller ist, oder ich Hunger habe, oder aber gerade andere Dinge ebenfalls stressig sind. Oder, oder, oder. Ich tippe: „Ehm. Ekelhafter Spruch. Verletzend, anmaßend und einfach nur grenzüberschreitend. Leb wohl. Schreib mich bitte nie nie nie wieder an.“

Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Es war nett gemeint! Du bist super hübsch! Das weißt Du auch. Kam wohl nicht so rüber. Alles klar bye.“ Ich pfeffere mein iPhone ein bisschen zu hart in den Spind und die Tür zu. Kurz darauf stehe ich unter der heißen Dusche und lasse das Wasser über mich laufen. Ich stelle mir vor, wie es den Spruch von mir runterspült. Ich schaue dem Wasser nach und fühle meinen Bauch und meine Hüften ab. Dann vibriert meine Uhr und ich sehe, dass der Typ nochmal eine Nachricht geschrieben hat. Auf dem Display meiner Uhr erscheint: „Mein Gott 2kg zu viel. Naja gut.“ Die Nachricht, mit der er noch einmal nachtritt, bringt das Fass im wahrsten Sinne zum Überlaufen und mir läuft nicht nur das Wasser in der Dusche das Gesicht runter, sondern die Wassertropfen mischen sich nun mit den Tränen, die mir ebenfalls das Gesicht runter laufen.

Hab ich wirklich nur zwei Kilo zu viel? Welche Form muss ich für LA überhaupt haben, wenn ich mit Marcos an Halloween durch West Hollywood tanze oder mit Lina die Westcoast nach San Francisco bis ins Castro hochreise und wir unsere Rollschuhdisco suchen? Wer bestimmt überhaupt, dass ich zwei Kilo zu viel auf den Hüften habe? Und für wen gehe ich überhaupt so oft und gern ins Fitnessstudio? Und wenn es mir schon so ergeht, wie ergeht es wohl anderen Männern*, die noch mehr als „2kg zu viel“ auf den Hüften haben? So komme ich also nicht umhin mich zu fragen: Wie sehr lasse ich mich von dem Body-Kult der schwulen Community beeinflussen?

Ich bin Stress- und Kummerfresser. Als Kind habe ich die Zeit, die ich allein zu Hause verbracht habe, während meine Mutter mit meinem Vater durch alle möglichen Krankenhäuser gezogen ist und meine Brüder arbeiten waren, gerne mit Essen verbracht. Dabei waren Smacks mit Milch ebenfalls ein treuer Begleiter wie gläserweise Schattenmorellen oder gerne auch eine Schüssel mit Sprühsahne, Bananen und Eisdielen-Schokoladensoße. Kein Wunder also, dass ich dicker und dicker wurde. Die Jugendfeuerwehr hat genauso wenig dafür gesorgt, dass ich mich in der Eifel nicht ganz als Außenseiter gefühlt und mich mal ordentlich bewegt habe, wie der ansässige Musikverein. So habe ich – und auch mein Körper – gelernt, dass Essen ja ein schöner und vor allen Dingen leckerer Zeitvertreib ist. Alte Muster abzulegen ist wirklich schwer. 

Und jetzt, wo ich als schwuler Mann in der queersten Stadt Deutschlands lebe, muss ich mir eingestehen, dass ich mich nicht von den gaynormativen Machtstrukturen lossprechen kann. Klar, ich gehe wirklich sehr gerne zum Sport. Und das auch täglich. Ich tue das für mich. Für meinen Körper. Aber ich müsste lügen, wenn es nicht auch ein wenig daran liegt, dass der „typische, erfolgreiche und gutaussehende Schwule von heute“ auf Instagram gerne sein Sixpack präsentiert. Ob im Fitnessstudio, während seines vierten Jahresurlaubs oder gemeinsam mit seiner – ebenfalls sixpackpräsentierenden – Clique beim Sonntagchillen auf’m Sofa. 

Nico schickte mir die Tage ein Meme bei Instagram, das ich umgehend in meine Instastory und meinen WhatsApp-Status packte. Das Meme bestand aus einem Tweet, der nur aus einem Satz bestand: 

(Die Schwulen denken, dass ihre aktuellen Probleme gelöst werden, wenn sie es schaffen, noch heißer auszusehen.) 

Das brachte es auf den Punkt. Und auch die Reaktionen, die ich bei Instagram oder WhatsApp bekam, bewiesen mir, dass es nicht nur mir in meinem Umkreis so ging. Matthias schickte mir eine fünfminütige Sprachnachricht aus Stuttgart zu dem Thema, zig Herzchen für das Meme wurden auf Insta verteilt und auch dort gab es einige Nachrichten, die die Wörter als passend beschrieben. Viele – fast wir alle – fühlen uns also von der Gesellschaft gedrängt. Immer weiter, immer besser, immer hotter. Aber nicht nur in der Gay-Community ist das ein Thema. 

Jeden Sonntagmorgen trainiere ich mit zwei der besttrainiertesten Hetero-Jungs aus meinem Fitnessstudio. Fred und Jannik trainieren seit Jahren, gewannen den ein oder anderen Bodybuilder-Contest und sind auch aktuell wieder gut in Form. Aber auch bei den beiden ist die Körperwahrnehmung einfach total verrückt. Während ich neben den beiden im Spiegel beim regelmäßigen Selfie im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Lauch aussehe, haben die beiden die Gedanken, dass sie zu dünn oder nicht muskulös genug seien. Ihre Freundinnen hingegen mögen die Masse an Muskeln, die sie an ihren Armen, Schultern, Beinen und Brüsten vor sich herschieben gar nicht so sehr. Immer wieder haue ich mit ernstgemeinten Komplimenten um mich, dass ich gern solche Oberarme oder -schenkel hätte. Genauso regelmäßig höre ich dann zurück, dass sie noch nicht gut genug seien. 

Es zieht sich also durch alle möglichen sexuellen Orientierungen, wenn ich auch die These aufstellen mag, dass die schwule Community noch einmal eine speziell starke Ausprägung davon hat. Die Bilder auf Instagram stapeln sich. Ich selbst als Medienpsychologe weiß ganz genau, dass diese App auf keinen Fall die Realität ablichtet, dennoch macht es etwas mit mir. Das Gleiche passiert mit Nachrichten, die mich auf schwulen Dating-Plattformen erreichen und die mich verletzten. An guten Tagen lächle ich und blocke die Person, an schlechten Tagen haut es mich aus den Socken und an noch schlechteren Tagen beginne ich eine Diskussion, die ich nur verlieren kann. Ich gehe auch im Chat offen damit um, dass ich verletzt bin. Die Standardreaktion der meisten ist dann, dass sie noch verletzender und beleidigender werden. Verletzter Stolz, alte, angekratzte Muster. Verpasste Liebe. Die Gründe sind mannigfaltig. Niemand von denen weiß, dass ich damals als Kind und Jugendlicher täglich gehänselt wurde und in einer Spirale gefangen war. Je schlimmer der Schulalltag, desto größer die Portion Sprühsahne mit Banane & Schokoladensoße, je mehr Gläser Schattenmorellen, desto öfter das Nachschütten der Smacks in die bereits nach purem Honig schmeckende Milch. Und ich bekomme nur ab und an solche verletzenden Nachrichten. Regelmäßig bekommen zwei Freunde von mir körperbeleidigende Nachrichten. Oft sogar anonym ohne einen erkennbaren Absender. Oft bekomme ich Screenshots von diesen Nachrichten geschickt. Immer wieder meine Frage: Wie geht’s Dir damit? Kann ich was tun? 

Am liebsten würde ich die Menschen hinter den Nachrichten einfach schubsen. Keine grobe Gewalt anwenden natürlich, aber ich will sie wachrütteln. Das, was ihr da macht, macht etwas mit den Menschen. Macht etwas mit der ganzen Community. So, wie wir alle nicht wissen, was Dich bewegt solche verletzenden Nachrichten zu schicken, so weißt Du gar nichts von Deinem Gegenüber; was in den Menschen vor sich geht. Du hast keine Ahnung, warum sie nicht dem von der Gesellschaft überall vermittelten Schönheitsideal entsprechen. Du weißt nicht, ob sie nicht selbst damit zu kämpfen haben oder sich schlicht und einfach gut fühlen.

An manchen Tagen fühle ich mich ziemlich wohl und an manchen Tagen eben nicht. Manchmal schau ich in den Spiegel und denke: Hui, den würdest Du daten wollen. Manchmal schau ich in den Spiegel und denke: Hui, ab ins Bett und Decke über den Kopf. Ich glaube, dass es uns allen mal so an unterschiedlichen Tagen geht.

Jetzt ist erstmal ein Tag, an dem ich einen anstrengenden Job hatte und ich mich aufs Auspowern beim Sport freue. Alles geben. Ich ziehe mich also um, packe mir die AirPods ins Ohr und suche mir den passenden Song raus. Kurze Zeit später stehe ich auf der Fläche, sehe die ganzen Muskelleute, ebenso wie alle Menschen mit großen, kleinen, runden, schlanken, alten, jungen Körpern. Kurz: alle wundervollen Menschen beim Sport. 

Ich drehe die Lautstärke höher und Peter Fox schmettert in meine Ohren. Ich greife nach den Kurzhanteln, um meinen Bizeps zu trainieren. Gleichzeitig bewegt sich meine Hüfte im Takt und meine Lippen bewegen sich mit dem Text: Schüttel Deinen Speck. Schüttel Deinen Speck.

Ich werde weiter täglich zum Sport gehen, ich freue mich weiter daran, wenn mein Bizeps wächst oder mein Gürtel ein Loch enger geschnallt werden kann. Ich freue mich auf Marcos, LA, Lina und die Rollschuhbahn. Gleichzeitig freue ich mich auf ein Menü von In-N-Out Burger am Flughafen von Los Angeles, eine Cinnamon Roll irgendwo auf der Route #1 oder einen Milkshake am Pier in San Francisco. Denn so gern, wie ich Sport mache, so gerne esse ich auch. Und die Leute sollten endlich mal lernen, dass sie, wenn sie judgen wollen, schön bei sich selbst anfangen sollten.

Denn am Ende ist es doch so: Jede Person, die Du triffst, trägt einen verborgenen Kampf aus, von dem Du erstmal gar nichts weißt.

andreas

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