Das Leben ist wie eine Seifenoper

Ich schleppe mich müde die unendlich vielen Treppen zu meiner Wohnung hoch und schau noch einmal auf mein iPhone. Noch immer keine Antwort. Nicht, dass ich das von Nico nicht gewohnt wäre, aber ich hatte einen echt langen Tag und wirklich Hunger. Wir sind verabredet und er will mich bekochen. Umso schöner wäre es gewesen, wenn ich wüsste, wann er bei mir aufschlägt. Er weiß, dass ich nach der Arbeit noch beim Sport und dann auch noch beim Ehrenamtstreffen war. Hangry zu sein ist für mich keine gute Grundstimmung. Und nun riecht es in meinem Hausflur auch noch nach angebratenen Zwiebeln und damit leckerem Abendessen. Ich bin allerdings bass erstaunt, als ich die Tür zu meiner Wohnung öffne und mir nicht nur der leckere Abendessenduft, sondern auch der Schlager „Warum hast Du nicht ‚Nein‘ gesagt?“ von Roland Kaiser & Maite Kelly und Nicos Grinsen aus meiner Küche entgegenschlagen. Er steht an meinem Herd und schwingt den Kochlöffel.

Er muss meinen verdutzten Blick sofort verstehen:

„Hase, ich hab einen Schlüssel zu Deiner Wohnung!?“ Ich muss grinsen. Und dann fällt es mir wieder ein, dass ich ihm vor Monaten schon die Einladung zur App geschickt hatte, die meine Schlüssel ersetzen und mit der er jederzeit in mein „Rhein-Penthouse“ reinkommen kann. 

Viele meiner Leute haben diese App auf ihren Smartphones oder noch klassische Schlüssel zu meiner Wohnung. Von meiner Mama und meinem Bruder bis hin zu Freund:innen aus Münster und Berlin. David nutzt gar eine Mischung aus dem Schlüssel für das Haus und dem Code für das Pinpad neben meiner Wohnungstür. 

Als Kind habe ich mir abends um 19:40 Uhr immer vor RTL sitzend  gewünscht, eine Wohnung zu haben wie die von Richters bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Ein Heim, das für alle und jeden immer offenstand. In der Soap hatte mal hier einer ein Problem und brauchte eine Bleibe, kurz danach hatte eine andere dort ein Problem und kam bei Richters auf dem Sofa unter. Auf dem Land zu meiner Kindheit war es Gang und Gäbe dass Nachbar:innen mal spontan vor der Tür standen oder über den Hintereingang kurz ‚Hallo‘ sagen kamen. Dennoch hatte ich im selben Heim, wo Nachbar:innen ein und aus gingen und Abend für Abend die Textzeilen ‚Ich seh in dein Herz, sehe gute Zeiten, schlechte Zeiten …‘  durch das Erdgeschoss schallerten, oft – gerade als Jugendlicher – das Gefühl, immer Rechenschaft für meinen Besuch ablegen zu müssen. Mein Vater bestand darauf, dass sich der Besuch an- und auch wieder abmeldete. Nicht nur während der Pubertät hat mich das mega genervt. Konnte ich nicht selbst entscheiden, wen ich in mein Zimmer lasse? Wieso musste mein Besuch immer erst von der Haustür durch den Flur, den Kopf durch die Wohnzimmertür stecken, ‚Hallo‘ sagen, den Weg zurück, an der Haustür vorbei um dann erst die Treppen hoch zu meinem Zimmer zu nehmen? War das vielleicht eine Sache von „Ich bin der Herr meines Heims!“ ? 

Während ich in Australien lebte, habe ich gelernt, dass Gastfreundschaft noch einmal eine andere Art annehmen kann. Wochenlang im Van unterwegs habe ich mich über jede warme und fest installierte Dusche gefreut. Am Tag als Jenni aus Deutschland zu Besuch kam, bot mir Ryan an, mit ihr und einem weiteren Freund doch einfach sein Haus zu nutzen. Schließlich sei niemand da und das Haus mit Klima und reichlich Schlafzimmern etwas komfortabler als mein Van für drei Personen. Ryan hatte ich allerdings erst 2 Wochen vorher kennen gelernt und nur für zwei Dates getroffen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, mir den Schlüssel des großen Hauses in die Hand zu drücken und mir eine tolle Zeit mit meinen Freund:innen zu wünschen. 

Ist es immer so einfach? Lässt man Leute einfach so ins Eigenheim? Was, wenn der Wäschekorb noch rum- oder die Klobrille noch offensteht? Und so komme ich also nicht umhin mich zu fragen: Wie viel gebe ich von mir Preis, wenn Leute einfach so in meine Wohnung kommen (können)? 

Als ich fürs Abi nach Köln gezogen bin, war in der WG immer was los. Das lag schon in der Natur der Sache. Als ich dann mit meinem Ex zusammenzog und dachte, irgendwie erwachsen zu sein, hatte ich weniger Kommen und Gehen in der Wohnung. Niemand von meinen Leute hatte mehr einen Schlüssel zu der Wohnung, noch gab es regelmäßig Spieleabende. Das Ganze änderte sich schlagartig, als ich wirklich die perfekte Soap-Wohnung gefunden hatte und endlich wieder allein lebte. Meine Wohnung liegt nicht nur mittendrin, hat vorn und hinten tollen Ausblick, sie hat auch nur einen Raum, in dem das Leben stattfindet. Und sei das nicht schon genug, kommt der ultimative Soap-Punkt: Es gibt keinen Flur. Das heißt, sobald man die Tür öffnet, steht man mitten im Wohnzimmer. 

In meiner Wohnung hat David schon einige Wochen zusammen mit mir gelebt, als seine Wohnung nach der großen Flut unter Wasser stand; hat Max schon Homeoffice-Wochen geschoben, als seine Wohnung asbestverseucht und ich im Urlaub war; hat Torsten schon einige Nächte auf dem Sofa verbracht, als unzählige Events in Köln stattgefunden haben; haben Lina & Inan schon eine Pulle Sekt auf meinem Balkon in der Sonne genossen, als ich mit anderen Freund:innen in der Stadt unterwegs war; hat Mike schon mit Sushi-Platten auf mich gewartet, als ich noch beim Sport war und steht Nico jetzt singend und kochend zu Schlagermusik in meiner Küche. Vor einigen Wochen war er noch erstaunt, als ich mein vakuumiertes Übernachtungspaket für Gäste aus dem Sofa zog. Mit Bettzeug und -bezug , Spannbettlaken und verschieden großen Handtüchern. Das Sofa war schnell bezogen und so konnte nicht nur Nico bei mir pennen, sondern auch für Torsten war sein typischer Schlafplatz schnell hergerichtet. Wann immer ich zu meinen Gäst:innen sage “Fühlt Euch wie zu Hause”, dann meine ich es auch genauso. Ich liebe meine Wohnung, fühle mich hier sehr wohl und freue mich auch, wenn sich andere Leute hier wohl fühlen und ich ihnen einen Ort geben kann, an dem sie sich jederzeit willkommen fühlen. 

Was kann auch schon passieren? Wer auf die Idee kommt in meine Schränke zu schauen, muss damit rechnen, Dinge zu finden, die er oder sie nicht sehen möchte. Wer sich an meinen 100ten Büchern bedient, dem oder derjenigen empfehle ich sogar gern noch Literatur. Und wer sich an der Getränkeschublade im Kühlschrank zu schaffen macht, dem wünsche ich einfach ‚Guten Durst‘ – Hauptsache der Alkohol kommt weg. David hat seine eigene scharfe Soße im Kühlschrank, Lina schnappt sich immer die Jogginghose, die für sie im Sofakasten liegt und Nico hat Zahnbürste und Haarspray bei mir im Badschrank. Und während ich ihm nun dabei zuschaue, wie er zu den angebratenen Zwiebeln einen Schluck Weißwein gießt und zu den letzten Takten von ‚Warum hast Du nicht Nein gesagt‘ seine Hüften in seinem Leinenoutfit wippen lässt, spreche ich mit Siri und wünsche mir den Titelsong von GZSZ und fange an zu Summen.

Denn auch, wenn der Wohnungsschlüssel schon ein guter Anfang ist. Am Ende ist es doch so: Freund:innen sehen ins Herz – in guten und auch schlechten Zeiten.

andreas

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