„We‘re so over. We need a new word for over!“
Ich klappe mein MacBook zu, damit ich nicht weiter in das weinende Gesicht von Carrie Bradshaw blicken muss, die gerade Mister Big verlassen hat, und schaue auf die digitale Anzeige am Küchenherd. 03:47 Uhr. An Schlaf kann ich schon seit über einer Stunde nicht mehr denken. Deshalb bin ich auch aus dem Bett und die Steintreppen nach oben geschlichen und habe mich auf das kühle Leder fallen lassen, mit dem hier in der Berghütte das große Sofa überzogen ist. Aber jetzt stehe ich wieder auf, schlüpfe in meine Adiletten, öffne die Tür und trete raus auf die große Terrasse.
Vor mir liegt das Tal mit dem kleinen österreichischen Dörfchen; nur wenige Lichter leuchten um diese Uhrzeit in den Häusern. Mein Atem lässt kleine Wolken vor meinem Mund tanzen, die Haare an meinen nackten Beinen und Armen stellen sich auf. Gänsehaut überzieht meinen Körper. Die Nacht ist sternenklar und es sind einige Grad unter 0.
Und ich: Fühle nichts. Genauer gesagt fühle ich mich komplett leer. Am liebsten würde ich nun ganz laut schreien. So laut, dass ich befürchten müsste, dass in den Bergen, die hinter dem Tal gewaltig in den Nachthimmel ragen, eine Lawine allein durch die Kraft meines lauten Schreis losgetreten werden könnte. Stattdessen spüre ich unter meinen nackten Füßen in den Adiletten im letzten Schnee, der sich hier trotz frühlingshaften Temperaturen am Tag nachts im Frost wackerer schlägt, als ich es gerade tue. Denn ich fange an zu weinen. Leise. Halbnackt im Schnee. Mitten in der Nacht. Oder fast am frühen Morgen. Wie auch immer. Ich habe mich lange nicht mehr so alleine gefühlt wie gerade in diesem Moment.

Die letzten Wochen und Monate waren hart. Ich habe die tiefe Verbindung zu zwei meiner engsten Bezugspersonen verloren. Die eine verlor ich an eine Krankheit, die so schlimm ist, dass wir kaum noch Austausch haben können. Die andere verlor ich an eine Liebesbeziehung, die ich ihr von Herzen gönne, die aber alles zwischen uns geändert hat.
Und als wären das nicht schon genug Leute zum Vermissen, vermisse ich nun genau drei Wochen ununterbrochen die Mickey Mouse. Nach zwei Jahren, 11 Monaten und 28 Tagen ist alles vorbei.
Vorbei die wirklich kecken Partnerkostüme an Karneval und die damit verbundene kleine Botschaft an die Welt da draußen. Vorbei die gemeinsamen Museumsbesuche und die damit verbundene Magnetsammlung an meinem Kühlschrank. Vorbei die vielen gemeinsamen Stunden in Löffelchenstellung auf meinem Sofa und die damit verbundenen Serienmarathons. Vorbei das tägliche Hin- und Herschicken von unzähligen Memes-Nachrichten und die damit verbundenen lauten und leisen Lacher. Vorbei die Morgähns und Nachtis kleiner roter Bär -Zeilen und die damit verbundenen warmen, liebevollen Gefühle in mir drin.
Und jetzt? Jetzt ist nichts mehr in mir drin. Eine Leere und Einsamkeit, die ich so schon lange nicht mehr gefühlt habe.
Was mache ich ohne meine drei engsten Bezugspersonen, die ich so sehr liebe und nicht mehr wirklich habe? Ohne meine Mickey Mouse? Ist es nicht ganz normal, dass Beziehungen sich ändern oder gar enden?
So komme ich nicht umhin mich zu fragen: Ist es überhaupt möglich, jemanden loszulassen, obwohl man ihn in jedem Winkel des eigenen Herzens spürt?
Mein Kopf weiß natürlich, dass ich nicht alleine bin. Franzi und Nicolas schlafen gerade eine Etage unter mir tief und fest und sind zusammen mit mir nach Österreich gefahren. Wenn gleich die Sonne aufgehen wird, dann werde ich Andi und Marius schreiben und fragen, wie es ihnen geht, werde von meiner Mama wie jeden Tag lesen. Ich werde mir Gedanken machen, was ich Greta und Theo zur Taufe schenke, die nächsten Reisen mit Torsten, Mike oder Marcel sind auch schon gebucht und Marie und Max schreiben ständig und versuchen Termine zu finden, an denen wir uns aufs Sofa knallen und Eishockey-Sex-Serie schauen. Und dennoch. Es fühlt sich an, als hätte es in meinem Leben – oder direkt in mir – eine Kontinentalverschiebung gegeben. Nichts ist mehr so, wie es noch vor wenigen gefühlten Augenblicken war.
In sechs Monaten werde ich 40. Und das nun wieder als Single.
Ja, ich predige all meinen Freund*innen und auch in jeder Beratung, die sich um das Thema dreht, dass man sich allein genügen muss; das Glück nicht von einer anderen Person abhängig machen soll. Daran halte ich auch weiterhin fest. All das weiß ich. All das findet in meinem Kopf statt. Nur leider ist durch die Plattentektonik – etwas anderes kann es wirklich nicht gewesen sein – die Verbindung zwischen Kopf und Bauch aktuell bei mir verschoben. Ich weiß, irgendwann werde ich weniger vermissen. Weniger weinen. Weniger verletzt sein. Aber aktuell tut es einfach unheimlich weh. Ich bin mir auch sicher, dass ich langsam dort angekommen bin, wo es schwierig, gar unmöglich wird, jemanden passenden zu finden, mit dem ich gern eine lange Zeit verbringe. Ich habe Ansprüche bzw. Erwartungen an eine (Liebes-)Beziehung, die sich so einfach nicht erfüllen lassen.

Als ich mit der Mickey Mouse nach Zürich wollte, um Flavio zu besuchen, wurde er von seinen Leuten gefragt, welche Gays denn da in die Schweiz kämen: Alti-Gays, BWL-Gays, Fiti-Gays, Hipster/Electro-Gays oder Kultur-Gays? Damals musste ich schmunzeln und habe für uns zwei Kategorien veranschlagen wollen. Nämlich Fiti- & Kultur-Gays. Und genau diese Mischung hat mich immer an Männern gereizt. Viele Fiti-Kultur-Gays gibt es einfach nicht. Ich stelle gar die These auf, dass Teflon, Mickey Mouse und ich die einzigen in einem großen Umkreis sind. Hinzu kommt, dass ich ein freiheitsliebender Mensch bin und sehr viel Zeit für mich, Gym und Bücher benötige.
Es schmerzt darüber nachzudenken, dass die Mickey Mouse und ich nicht nur auf dem Sofa gemeinsam Bücher lesen konnten, Rennrad-Touren fuhren oder sehr viele Ausstellungen in ganz Deutschland besucht haben, noch mehr schmerzt es mich, dass es die ganzen vielen großen und kleinen Momente an jedem Tag waren, die mir gezeigt haben, wie toll wir matchten.
Und dann kommt und ist da der größte Schmerz von allem, dass das am Ende dann doch nicht ausgereicht hat, um weiterhin diese Beziehung zu führen.
Im Tal unten gehen hier und da immer mehr Lichter in den Häusern an. Langsam spüre ich nicht nur metaphorisch nichts mehr, sondern auch meine nackten Zehen sind mir hier mitten in der Nacht bei frostigen Temperaturen langsam abhandengekommen. Auch wenn ich die letzten Wochen kaum schlafen kann, sollte ich langsam aber wieder reingehen und vielleicht eine weitere Folge Sex and the City schauen. Schließlich macht Carrie Bradshaw nicht in jeder Folge weinend mit Mister Big Schluss.
Ich schaue noch einmal auf die naturgewaltigen Berge vor mir, auf denen immer noch in tausenden Metern Höhe die Schneemassen liegen. Während ich langsam und leise zurück in die Hütte schlüpfe, denke ich darüber nach, dass das mit den Gefühlen wie mit Lawinen ist: Die kommen zwar in einer gewaltigen Masse heruntergerast und drohen einen zu erdrücken. Allerdings ist das, was darunter verborgen ist, nicht komplett verschwunden, sondern braucht nur etwas Zeit, um irgendwann wieder sichtbar zu sein.
Denn am Ende ist es doch so: Manchmal bedeutet Liebe nicht, dass jemand für immer bleibt, sondern dass er für immer ein Teil von dem wird, der man geworden ist.